Embravalenz           Dietmar Glatz                               12.4.2026

Embravalenz* ist eine zweikanalige Installation aus Fotografie und zeitgenössischer Musik. Ausgangspunkt sind für diesen Zweck sorgfältig ausgewählte Fotografien, die sich dem Betrachter als zufällig generierte Bildpaare zeigen. Die Fotografien erscheinen in einer ungeordneten, unvorhersehbaren Folge. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Geschichte, die Sie durchlaufen müssten. Die Installation befreit den Blick von der linearen Zeit und öffnet einen Raum, in dem Wahrnehmung sich ausdehnen darf – im eigenen Rhythmus, im eigenen Tempo.


Die Fotografien selbst stammen aus sehr unterschiedlichen Bereichen:  Natur, Architektur, menschliche Spuren,  geometrische Felder, Fragmente, fragile Strukturen, irritierende Details. Sie treffen ohne Absicht aufeinander – gerade diese zufälligen Begegnungen erzeugen ungewöhnliche Assoziationen, Resonanz, Reibung.  Bedeutung entsteht nicht nur im einzelnen Bild, sondern besonders auch im Raum zwischen den Bildern und im Zusammenspiel mit dem Klang. So zeigt Embravalenz die Realität nicht als etwas Eindeutiges, sondern als etwas Ambivalentes: Die Schönheit bleibt bestehen, sie löst sich nicht auf, doch sie zeigt sich in anderer Art, wenn sie dem Fremden, dem Brüchigen oder dem Unruhigen begegnet.

Diese Ambivalenz ist keine Störung, sondern Teil unserer Erfahrung der Welt. Die Sehnsucht nach Weite und Ruhe ist ebenso real wie das Fragmentarische, das Dissonante. Embravalenz macht diese Spannungen sichtbar — nicht als Gegensatz, der aufgelöst werden müsste, sondern als eine Art Umarmung, in der die Gegensätze nebeneinander bestehen dürfen.


Das Publikum ist Teil dieser Umarmung. Jeder Blick erfährt eine andere Bildfolge, jede Besuchszeit ein anderes Fragment. Niemand kann die gesamte Serie sehen**; jede Wahrnehmung bleibt offen, unvollständig, aber gerade darin lebendig. Die Installation möchte den BetrachterInnen nicht vorschreiben, was Sie sehen sollen – sie eröffnet Ihnen einen Erfahrungsaum, in dem Wahrnehmung, Empfindung und Zeit sich berühren können. Embravalenz versteht sich als bewusste Gegenposition zu vereinfachenden, linearen Erzählungen und zu Reinheits- oder Eindeutigkeitsansprüchen- ästhetisch wie gesellschaftlich. Die Arbeit lädt dazu ein Mehrdeutigkeit und Deckungsungleichheit nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit erweiterter Wahrnehmung zu erfahren.


*Ich bezeichne dieses ästhetische Verfahren als Embravalenz- die Verbindung von Embrace (Einlassung, Nähe, Resonanz) und Ambivalenz (Widerspruch, Spannung, Unentscheidbarkeit). Dieser Begriff beschreibt eine Form von Wahrnehmung, die in der Lage ist, Gegensätze auszuhalten, ohne sie aufzulösen.
**Aus ca. 2300 Fotografien ergeben sich über 2,5Mio mögliche Bildpaare. Inklusive der vom Zufallsgenerator verursachten Wiederholungen ergibt sich eine geschätzte Gesamtablaufzeit von über 12 Jahren, bis alle möglichen Bildpaare gezeigt werden.

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